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Es ist gefährlich katholisch zu sein
Hans Urs von Balthasar
Originaltitel
Es ist gefährlich katholisch zu sein
Erhalten
Technische Daten
Sprache:
Deutsch
Sprache des Originals:
DeutschImpressum:
Saint John PublicationsJahr:
2026Typ:
Artikel
Quellenangabe:
Schweizer Rundschau 44 (1944): 17–21.
Es ist gefährlich, katholisch zu sein. Und zwar nicht aus den Gründen, um deretwillen man uns zumeist von außen her bemitleidet: daß wir zum Beispiel einen Haufen Dinge, die man uns vorsetzt und die wir nicht oder nur zum geringsten Teile verstehen, blindlings glauben müßten, oder daß wir in der Freiheit unseres Gewissens, unseres sittlichen Empfindens, unseres geistigen Fortschrittdrangs oder auch einfach in der Gestaltung unseres Sonntags aufs unerträglichste behindert wären. Über dieses Mitleid lächelt der Katholik hinweg wie ein Sportsmann oder ein Krieger sich über die entsetzten Bedenken eines Rentners hinwegsetzt, der nie einen Ski unter der Sohle oder einen Helm auf dem Kopfe getragen hat. Nein, ihn plagen Sorgen anderer Art.
Es gibt einen rätselhaften, sehr beunruhigenden Punkt in dieser Religion. Wäre dieser Punkt nicht, so könnte er glücklich sein, könnte beruhigt sein, könnte sich tragen lassen von der Größe, dem beseligenden Überschwang dessen, was er glaubt. Links von ihm stehen die Menschen der moralischen Religion. Für diese ist es nicht schwer. Sie glauben an die Sittlichkeit, sie glauben daran, daß sie trotz aller Schwäche im Grunde auf dem rechten Weg sind; Sie wollen das Gute, sie setzen sich dafür ein. Die sittliche Weltordnung, das öffentliche Wohl, die soziale Gerechtigkeit, das Gedeihen ihres Staates, ihrer Klasse, ihrer Familie: das sind die handgreiflichen Ideale, an deren Verwirklichung sie arbeiten. Von dieser Leistung sind sie unmittelbar überzeugt; nichts ist offenkundiger als ihr Einsatz für die gute Sache. Rechts vom Katholiken stehen die Verfechter der Gnade Gottes. Sie wissen, sie glauben, sie haben es zutiefst erlebt und können es jedem sagen, der es hören will, daß alles menschliche Streben ohne die Gnade ein eitles Nichts ist. Sie haben den Grund der menschlichen Seele durchschaut: allzeit widerstrebt sie dem Heiligen Geist. Sie haben ein für alle Male ihre Sache auf Gott gestellt, ihre Sorge auf den Herrn geworfen: der Glaube an ihn wird sie retten. Der Glaube allein. Sie wissen zwar, daß dieser Glaube kein Freibrief ist für ein weltlich Leben und Treiben; auch sie bemühen sich redlich, Christen zu sein und den Geboten des Evangeliums zu entsprechen: aber zuletzt ist dieser Versuch, gemessen an dem, was wirklich und im Ernst eine Existenz vor Gott sich nennen könnte, nur ein Spiel. Jene ersten dürfen sich im «guten Willen» ihres innersten Strebens beruhigen, diese letzten können durch den Glauben an die Gnade Christi alle Unruhe zum Schweigen bringen.
Dem Katholiken ist beides verwehrt. Daß sein «guter Wille» ihn nie und nimmer rechtfertigt, das hat das Evangelium ihm hundertfach eingeschärft. Die Pharisäer waren die Menschen des guten Willens, die ihre sittliche Leistung wie einen unüberwindlichen Wall gegen die Gnade aufrichteten: sie waren die geschworenen Feinde des Herrn, der die Dirnen und Zöllner noch vor ihnen zur himmlischen Türe einläßt. O dieser selig-unselige Zachäus, der, vom Baume seines frommen Eifers herabgerufen, weil heute seinem Hause Heil widerfuhr, dennoch wie ein Blinder dem Herrn vorrechnet, mit wieviel Almosen er seine periodischen Steuervergehen wettmacht! Um wieviel besser stünde er da, wenn er geschwiegen hätte von diesen heimlichen Handelsverträgen, kraft deren er mit Gottes Gerechtigkeit quitt zu werden sich schmeichelte. Nein, so geht es nicht, wenn quer durch alle Bilanzen des Menschen der rote Flammenstrich der Gnade fährt. Aber –: auch die öffentlichsten Sünder entläßt der Herr nicht anders als mit dem Worte: «Geh hin und sündige nicht wieder!» Und wer ihm folgen will, der wird auf den steilen, schmalen Weg geladen, der nicht die halbe Seele, den halben Dienst anfordert, sondern, mitsamt der Last des Kreuzes auf dem Rücken, die alles verlangende, alles in Beschlag nehmende Liebe zu Gott und zum Nächsten aus ganzer Seele, aus allen Kräften, dem gesamten Gemüt. Wer hat diese Liebe, wer kann, über den Glauben hinaus, daß wir erlöst sind durch Gnade, dieses runde Werk der Liebe vorweisen, und so, nachdem er alles getan hat, das Recht sich zumessen, zu sagen, er sei ein unnützer Knecht? Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung; aber ohne die Erfüllung des Gesetzes, das Christus nicht aufzulösen, sondern bis zum letzten Jota zu bestätigen kam, gibt es vor Gott keine Gnade.
Dahinein also sind wir gestellt. «Glauben und Werke», das ist schnell gesagt; besonders wenn es, mit der Spitze nach außen, als abwehrende Formel gehandhabt wird. Aber wehe, wenn diese Formel anfängt, sich zu regen und lebendig zu werden: wenn all unsere Werke im Licht des Glaubens uns erscheinen müssen wie Stroh und Heu für die Flamme, und dann doch der Glaube uns erneut auf die Werke, ja das totale Werk der Liebe verweist. Wer, der hier nicht im Leichtsinn oberflächlich Erleichterung sucht, fühlt sich zwischen diesen Mühlsteinen nicht zermalmt? Wer stellt sich hier nicht die tödlich bange Frage: wie ist es möglich, katholisch zu sein? Wer kann – über alle «Werke» des pharisäischen Frommen hinaus – das viel größere, unendliche Werk der Liebe leisten, das als solches nicht Kampf und Wall ist gegen den Glauben?
Versuchen wir’s noch von einer andern Seite zu fassen, vielleicht öffnet sich dort eine Tür. Die katholische Kirche ist universal, sie ist Kirche aller, Kirche des Volkes. Sie ist nicht Kirche der Reinen, der Fortgeschrittenen, der Erweckten, der religiös Übermittelbegabten. Sondern Kirche für Sünder. Da sie aber nicht gesetzlose, pneumatische Kirche ist, sondern Kirche des Menschgewordenen, Kirche für Menschen mit Fleisch und Blut, so muß sie Regeln und Gesetze erlassen, und weil Sünder sich von Gesetzen eingeengt fühlen, und Gesetze nach Pauli Wort den Widerspruch des «Fleisches» wachrufen, darum wird sie gezwungen sein, auch die Grenze nach unten hin festzusetzen: die Minimalforderung für den, der gerade noch Christ sein will: Taufe, jährliche Kommunion zur österlichen Zeit, Beichte bei schwerer Sünde, sonntägliche Messe… Wie kann es nun anders sein, als daß die Menge der Sünder mit ihrem dumpfen Schwergewicht nach dieser unteren Grenze hin lastet, um diese Grenze herum ponderiert? Aber wie kann es weiterhin anders sein – und hier erhebt sich von neuem die bedenklichste Frage, und wir befinden uns in der gefährlichsten Nachbarschaft zur Frage Iwan Karamasoffs in seinem «Großinquisitor» – wie kann es anders sein, als daß sich hier abermals eine jüdische Religion des Gesetzes auszubreiten beginnt? Der Minimalkatholik, der die Kirche fragt: was muß ich eben noch tun, um innerhalb deiner Hürde zu bleiben, außer welcher kein Heil ist?, welches Werk muß ich leisten, um mich beim Gedanken beruhigen zu können, daß ich zur Gemeinschaft der Erlösten gehöre –: ist, wer so fragt, in Wahrheit Katholik, oder ist ihm nicht das Hauptgebot und sein flammender Anspruch auf Totalität der Liebe schon völlig abhanden gekommen? Die Frage ist darum so ernst, weil ein solcher, der sich zur Kirche (und nicht bloß zur vagen Gesellschaft «aller Rechtdenkenden») zählen will, keine Möglichkeit mehr hat, auf seinen im großen und ganzen «guten Willen», seine Moral, die gewiß «nicht schlechter» ist als die der Nichtkatholiken, die ihn umgeben, auf jenes gesamte, scheinbar so überzeugende Plus des «anständigen Menschen» zu verweisen, das sich, im Licht der Gnade besehen, je und je als das kläglichste Minus erweist. Die Frage ist darum so ernst, weil das einzige Werk, nach dem ein Katholik gefragt werden kann, das Werk der Liebe ist, und Liebe ihrem innersten Wesen nach keine Lauheit, keine Halbheit verträgt. Das ist das Gefährliche, das Bedenkliche am Katholizismus, daß seine Seele und Entelechie die Liebe ist. Und zwar keine Liebe, die Grenzen setzt und sich bei Grenzen beruhigt, sondern eine solche, die sich nährt von der Liebe Christi, welche schlechthin grenzenloses, alles anforderndes Feuer ist. Er hat sich wie ein Brandstifter dem geschlossenen Haus dieser Welt genaht und seine verhängnisvolle Absicht nicht verhehlt: «Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und was will ich anderes, als daß es lodre.» Aber die Menschen sind nasses Holz; sie brennen nicht gern, sie wollen nicht gern als lebende Fackeln die Gärten des Kaisers zieren. Sie möchten die Flamme zähmen wie ein Haustier, sie sorgsam nähren wie die Herdglut, die man über Nacht gerade nicht ausgehen läßt. Sie möchten eine Religion nicht des Brandschadens, sondern der Feuerversicherung. Sie werfen der Flamme ein paar Scheiter hin, damit sie beschäftigt sei und mittlerweile nicht mehr verlange. Ihr Werk ist ein Werk, das gegen die Liebe getan wird, nicht für sie: sie wollen sich das Unendliche vom Leibe halten.
Aber hier erhebt sich zuletzt die entscheidende Frage, und sie wird alles erhellen. Die Frage: tun wir das nicht alle? Haben wir nicht alle Angst vor der Liebe? Können wir, die häufiger, fleißiger «praktizieren» (was für ein Wort!) als der Minimalkatholik, auf diesen herabsehn als solche, die mehr Liebe besitzen? Oder gibt es nicht die erschreckende Möglichkeit, durch Vermehrung der Werke, deren Minimum der Katholik der unteren Grenze zu leisten gewillt ist, auch die Dämme zu mehren und zu festigen, die wir gegen die Feuersgefahr der Liebe aufrichten? Kann man nicht auch sehr wohl gegen Gott praktizieren, gegen Gott beten, sogar gegen Gott leiden? Hier verschiebt sich alles. Wir alle werden in die entscheidende Frage hineingenommen: welchen Sinn das Werk hat, das zu leisten wir angefordert wurden.
Die Liebe ist unendlich. Die Liebe ist nach oben offen. Wir selber aber sind endliche Naturen und unsere Liebe selbst ist endlich. Wir fürchten uns vor dem Grenzenlosen. Aber in Christus ist das Unendliche eingedrungen ins innerste Herz unseres Wesens, das «Seelenfünklein», das er in uns eingesenkt hat, ruht nicht, bis unser ganzes Haus in hellen Flammen steht. Katholizismus ist der langsame Verbrennungsprozeß einer Seele im Feuer Christi. Katholizismus ist also kein fertiger Zustand, kein geschlossenes Haus, das man sicher bewohnen könnte. Er ist wesentlich ein Vorgang, in welchem die Liebe vor-geht, er ist die allmähliche Wandlung und Transsubstantiation einer Seele aus der Geschlossenheit ihres sündigen Egoismus in die restlose Aufgesprengtheit der Liebe zu Gott und zum Nächsten. All unsere Werke sind nichts – sind klingendes Erz und tönende Schelle – wenn sie nicht im Feuer der Liebe getan sind, die das einzig gültige Werk ist. Aber unser kleinstes Werk ist etwas, ist viel und vielleicht alles, wenn in ihm unser innerstes Wesen der Liebe sich öffnet und ganz zur Verfügung stellt.
Liebe ist immer Enteignung. «Die Liebe sucht nicht das Ihre.» Darum widersprechen sich Katholizismus und Werkgerechtigkeit wie Wasser und Feuer. Der Werkgerechte praktiziert, um sein persönliches Heil zu wirken. Er bedient sich der Gnade und der kirchlichen Gnadenquellen als Mittel zu seinen persönlichen Zwecken. Darum weiß er im Grunde auch nichts vom Wesen der Kirche, die die Gemeinschaft der Heiligen ist. In dieser Gemeinschaft ist jedes Glied um das Heil des ganzen Leibes besorgt; sein Privates ist nichts anderes als das Amt, das ein jedes zur Wohlfahrt des Ganzen empfangen hat und verwaltet. Auch die persönliche Seligkeit eines Gliedes ist eine solche nur insofern, als sie Teilnahme ist an der Seligkeit aller in Liebe, Teilgabe an der Seligkeit aller in Liebe. «Wer seine Seele verliert, der (allein) wird sie gewinnen.»
Nicht die Steigerung der Werke also (und wären es die frömmsten: Gebet, Kommunionempfang, Almosen, Wirken in sozialen Vereinen) verbürgt uns, daß wir uns von der Bedenklichkeit des Minimalkatholizismus entfernen. Sondern allein unser Wille, in all diesen ach so unbeträchtlichen Werken uns jener Liebe nicht zu erwehren, die uns immer weiter anfordert. Und nur dann sind sie wahrhaft ein Fortschritt zum Guten, wenn wir bis ins Mark unserer Seele davon überzeugt sind, daß alles Getane Nichts ist im Vergleich zum Versäumten, Verweigerten, Noch-zu-Tuenden, daß alle menschliche Leistung nur darin bestehen kann, sich einer Liebe, die nicht die unsrige ist, sondern die Gottes, als Glied und Werkzeug zur Verfügung zu stellen und darin immer mehr zu erkennen, daß das Seine sich zum Unsern verhält wie das Alles zum Nichts.
So ist es gefährlich, katholisch zu sein. Aber wen lockte nicht solche Gefahr?